Thomas Kern

Autor für Biografien und Kinderbücher aus Leipzig

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Biografie

Thomas Kern, geboren 1981 in Straubing, arbeitet seit vielen Jahren als Autor und Ghostwriter. Seine Leidenschaft für Sprache begann früh – zunächst mit Gedichten und später mit Rap‑Texten und improvisierten Freestyles.

Ab 2010 wandte er sich verstärkt der Kinderliteratur zu und veröffentlichte 2017 sein erstes Buch beim Battenberg Gietl Verlag. Es folgten weitere Veröffentlichungen von Gedichten, Rap‑Texten und Kinderbüchern.

Seit 2020 schreibt er zudem personalisierte Songs für besondere Anlässe. Vor drei Jahren erfüllte er sich den Wunsch, hauptberuflich vom Schreiben zu leben, und arbeitet seither als Ghostwriter für Biografien und Kinderbücher. Bis heute hat er rund zwölf Biografien umgesetzt, von denen einige bereits veröffentlicht wurden.

2022 zog er nach Leipzig, wo er heute lebt und weiterhin eigene Kinderbücher veröffentlicht.
Thomas Kern liebt es, Geschichten so zu erzählen, dass sie Menschen berühren und persönliche Erfahrungen authentisch widerspiegeln.

Genres / Themen

Biografie, Kinderbuch, personalisierter Song

Werk-Auszug

1. Kapitel: Musik liegt in der Luft



»Musik war und ist ein absolut konstanter Punkt in meinem Leben.«
Jörg Günthör
Österreichischer Musiker

Ich schreibe dieses Buch, weil mich im Jahr 2016 ein schwerer Schicksalsschlag traf. Ich bekam die Diagnose Zungenkrebs und mein Leben, wie ich es bisher kannte, gab es plötzlich nicht mehr. Ich möchte mit meinem Bericht über die Erfahrungen aufklären, die ich nach der Diagnose machen musste. Unsensible Ärzte, schlaflose Nächte, leere Versprechungen von Scharlatanen, Panik, Angst, eine Fentanylabhängigkeit und vieles mehr. Das alles muss sich wie ein Albtraum lesen und teilweise war es das auch. Doch so schrecklich ein Traum auch sein mag, irgendwann erwacht man daraus und es beginnt wieder ein neuer Tag und die Sonne sendet ihre Strahlen auf die noch nachtkalte Erde. Ich möchte auch darüber berichten, wie ich mich zurück ins Leben kämpfte, denn eines stand mir immer ganz klar vor Augen: Ich möchte leben!
Aufgeben war für mich nie eine Option und auch für meine Frau bestand kein Zweifel darin, dass ich es schaffen konnte und musste. Erst jetzt fühle ich mich in der Lage, das Erlebte mit anderen Menschen zu teilen und darüber zu berichten. Dazu ermutigten mich auch meine Therapeuten, die mir sagten, dass mein Fall so selten sei, dass es in ganz Österreich nur noch zwei weitere ähnliche Fälle geben würde.
Ich schreibe dieses Buch für Menschen, die daraus einen Nutzen ziehen können, seien es Studenten, die an den medizinischen Aspekten interessiert sind, oder Betroffene, die daraus Beistand, Kraft und Hoffnung ziehen können. Und ich schreibe es für mich, um das Geschehene seelisch zu verarbeiten. Doch vor allem schreibe ich dieses Buch für meine Familie, ohne deren Hilfe ich es niemals geschafft hätte und heute nicht der Mann wäre, der ich-zum Glück- bin.
Doch um meine Geschichte besser zu verstehen und vor allem den Leidensweg, den ich nach der Diagnose beschreiten musste, ist es wichtig, auch mein Leben vor der Erkrankung zu kennen. Denn ich war sicher kein Kind von Traurigkeit und bin es auch heute nicht. Das Leben ist viel zu schön, um sich nur an Kummer und Leid zu orientieren.
Deswegen lassen sie mich ganz von vorne beginnen ...

Ich wurde am 13. September im Jahre 1962 im Herzen meiner schönen Heimatstadt St. Pölten geboren.
Meine Mutter und mein Vater wurden in der Nachkriegszeit groß und die Entbehrungen ihrer frühen Jahre prägten meine Eltern. Sie wussten noch, was es heißt, wenn man wirklich nichts hat und der Kampf um das nackte Überleben den Alltag bestimmt. Glücklicherweise hatte ich es da schon besser. Als ich Kind war, ging es den Menschen in Österreich schon viel besser als noch 20 Jahre zuvor. Wir waren eine, für damalige Verhältnisse, typische Arbeiterfamilie. Mein Vater ging arbeiten und war für den Unterhalt der Familie verantwortlich und meine Mutter blieb zuhause und kümmerte sich um mich und um den Haushalt. Doch später musste auch sie arbeiten gehen und Geld verdienen. Aber es gab einen Unterschied: Bei uns gab nicht nur die Arbeit, sondern vor allem die Musik den Ton an! Die Musik war es auch, die unsere Familie zusammenhielt und ein unsichtbares Band zwischen uns flocht, welches man nie ganz zerreißen konnte. Ihr wohnt eine besondere Kraft inne, die ihresgleichen sucht. Musik und besonders das gemeinsame Musizieren verbindet und schweißt zusammen und so war es auch in unserer Familie. Meist war es aber die Familie meiner Mutter, die an unserer Hausmusik teilnahm, denn die Familie meines Vaters war bei uns nicht so gerne gesehen. Die Hausmusik prägte mich als Kind und ich erinnere mich sehr gerne an diese heiter-musikalischen Abende zurück, bei denen wir in ausgelassener und fröhlicher Stimmung zusammen musizierten. Dabei wurde vor allem Volksmusik und Schlager der 50er und 60er Jahre gespielt. Das darf man sich aber jetzt nicht so plump und platt wie die heutige Volks-und Schlagermusik vorstellen. Wir hatten einen hohen musikalischen Anspruch und es kamen auch sehr viele verschiedene Instrumente dabei zum Einsatz. Geige, Harmonika, diatonisches Akkordeon und das sogenannte »Knöpferl«, was ein österreichischer Ausdruck für ein spezielles Akkordeon ist. Weiterhin Trompete, Gitarre, Klavier, Bariton, Zither und Gesang in allen Tonhöhen. Auch wenn das Verhältnis zu meinem Vater eher kühl und distanziert war, wuchs ich trotzdem behütet, geliebt und geborgen auf, stets eingehüllt in den warmen und herzigen Mantel der Musik. Musik half mir schon als kleines Kind und es war etwas Besonderes, dass für mich und meine Familie einfach dazugehörte und nicht aus unserem Leben wegzudenken war. Ich konnte schon Noten lesen, bevor ich das normale Alphabet erlernte. Damals war ich erst fünf Jahre alt und noch ein sehr junger Hupfer!
Gut, zugegeben, der junge Mozart war seinerzeit noch etwas früher dran, er lernte das Klavierspielen schon im Alter von drei Jahren und ein paar Jahre später fing er an zu komponieren. Doch auch ich war noch sehr jung, als ich mein erstes Instrument erlernen durfte. Dabei war meine Tante Hansi, die Schwester meiner Mutter, die treibende Kraft und sie prägte mich nachhaltig und bestimmte so auch meinen weiteren Lebensweg mit. Als ich ungefähr fünf Jahre alt war, hängte sie mir kurzerhand einfach das kleine Hohner-Akkordeon um und forderte mich auf zu spielen. Zwar unter Protest, denn die Märklin-Eisenbahn meines Cousins Roland vulgo Udatsch wäre damals doch interessanter für mich gewesen, aber sie ließ nicht locker und brachte mir das Spielen und das Notenlesen bei und bald fand ich auch selbst Gefallen daran und vergaß die langweilige Eisenbahn von Roland. Als ich dann merkte, dass ich schon als kleiner Bub dem Akkordeon schöne Töne entlocken konnte, wenn ich mir nur Mühe gab und fleißig übte, war meine Leidenschaft für Musik geweckt und sie ist noch heute in mir lebendig!
Besonders an den Wochenenden ging es heiß her bei uns. Alle trafen sich bei uns zuhause oder auch bei meiner Tante Hansi. Es wurde gelacht, gesungen und getanzt. Die meisten konnten ein Instrument spielen und somit war die Tanzkapelle perfekt!
Ich bin im Nachhinein sehr dankbar, dass ich meine Wochenenden auf diese Weise verbringen durfte und nicht vor dem Fernseher oder vor einer Spielkonsole, wie das bei vielen Kindern heute leider der Fall ist. Denn musizieren macht nicht nur Spaß, sondern bildet auch den Charakter und die Persönlichkeit. Und Forscher behaupten sogar, dass die Intelligenz durch das Musizieren gefördert wird. Diese gemeinsamen und unvergesslichen Abende im Kreise meiner Liebsten waren wohl das prägendste Element meiner gesamten Kindheit. Wenn ich mich heute still besinne und in mich hineinhorche, dann höre ich immer noch die alten Lieder und sehe lachende Gesichter und tanzende Menschen vor meinem geistigen Auge. Diese wundervolle Zeit in meinem Leben werde ich wohl niemals vergessen!
Schon damals half mir die Musik sehr über die Widrigkeiten des Alltags hinweg. Drei Instrumente durfte ich insgesamt lernen. Klavier, Trompete und Akkordeon. Nur das Singen sollte ich lassen meinte mein Volksschullehrer. Aber es machte trotzdem so viel Spaß und ich tat es gerne und oft, auch wenn ich die Töne dabei nicht immer ganz so zielsicher traf. Aber was macht das schon, wenn man Freude dabei empfindet? Nachdem ich gelernt hatte, auf dem Akkordeon zu spielen, durfte ich auch noch Trompete und Klavier lernen. Das Instrument mit den vielen schwarzen und weißen Tasten hatte es mir besonders angetan. Es war ein überwältigendes Gefühl, wenn meine zehn kleinen Finger über das Instrument huschten und diesem die zauberhaftesten Töne entlockten. Die Liebe zum Klavier blieb und ist auch heute noch ein Teil meines Lebens.
Noch etwas formte mich schon als kleiner Junge und legte meinen zukünftigen Lebensweg fest. Es waren der Strom und seine Auswirkungen, die ich bis zu diesem bestimmten Erlebnis noch nicht kannte. Als ich etwa drei Jahre alt war, öffnete ich die Türe unseres Kühlschranks. Ich weiß heute nicht mehr genau, was mich dazu antrieb, ich glaube aber, es war eher mein Entdeckergeist als die Suche nach etwas Essbarem. Hinten an der Wand des Kühlschranks befand sich eine kleine Glühbirne. Neugierig schraubte ich sie aus der Fassung und griff, ohne zu zögern hinein. Und schon war ich elektrisiert! Ich bekam einen kleinen Schlag, der zwar nicht sonderlich weh tat, aber mir dennoch einen gehörigen Schrecken einjagte. Das war ein Erlebnis! Ich erinnere mich noch heute lebhaft an diesen Moment. Der Strom und auch die Musik sollten mich mein restliches Leben lang verfolgen, oder vielleicht ist »begleiten« der passendere Ausdruck dafür. Aber damals als kleiner Junge wusste ich noch nichts von meinem späteren Schicksal.

Fernsehen war in meiner Kindheit noch ein besonderer Luxus und längst nicht jede Familie hatte ein Gerät zuhause, ja die meisten Leute konnten es sich damals schlichtweg nicht leisten. Doch ich hatte Glück. Mein Onkel besaß schon einen Fernseher und etwa zweimal im Monat besuchten wir ihn und ich durfte meine ersten Sendungen bei ihm sehen. Natürlich noch in Schwarz-weiß, aber es war dennoch eine Sensation!
Als ich sieben Jahre alt war, wurde ich eingeschult. Als Septemberkind kam ich ein Jahr später in die Schule als andere Kinder und so hatte ich noch ein weiteres Jahr Schonfrist, bevor ich in den Ernst des Lebens eintauchen musste. Ich besuchte zuvor auch keinen Kindergarten, da dies in den 60er Jahren noch nicht üblich war. Ich konnte deshalb die ersten sieben Jahre meines Lebens im „behüteten Kreise“ meiner Familie verbringen. Mit Musik, Freude und Tanz. Welch ein Glück für mich!
In der Schule wehte dann doch ein anderer Wind und der »Kleine mit den roten Haaren« musste erst einmal lernen, sich in der großen weiten Welt zu behaupten, auch wenn diese Welt erst einmal nur von meinem Elternhaus bis zum Klassenzimmer reichte. Trotzdem war es eine erste Herausforderung in meinem jungen Leben. Es waren aber nicht nur die roten Haare, die mich ein wenig als Sonderling erscheinen ließen, ich war auch seit der Geburt auf meinem rechten Auge blind. Das war genügend »Material« für die anderen Kinder, um mich zu hänseln und ihre Späße mit mir zu treiben.
Meine Mutter verhätschelte mich zuvor auch und ließ mich kaum aus den Augen, schließlich war ich ihr einziges Kind, ihr ganzer Sonnenschein. So war ich die »Härte« des Lebens nicht gewöhnt. In der Schule lief es dann ganz anders. Kinder können gemein sein. Aber was soll´s, Erfahrungen formen bekanntlich den Charakter. Und den sollte ich in meinem späteren Leben auch brauchen!
Als ich acht Jahre alt wurde, kam es erneut zu einem Einschnitt, der dieses Mal aber weit dramatischer war als der schwierige Start in der Schule. Meine Eltern ließen sich scheiden. Das war wirklich schlimm für mich! Es lag wohl hauptsächlich daran, dass meinem Vater das Bier und der G´spritzte, zu gut schmeckten. Und er war nebenberuflich Schilehrer und damit konnte meine Mutter nicht gut umgehen.
Meine Eltern waren mir immer wichtig, aber das ganze Auf und Ab in unserer Beziehung bedeutete oft auch Stress für mich. Auch in späteren Jahren noch. Mein Vater war nach der Scheidung sehr distanziert und das änderte sich auch nicht mehr, bis er im Jahr 2020 schließlich starb. Zu meiner Mutter hatte ich aber die ganze Zeit über ein engeres Verhältnis, wobei es auch nicht immer leicht war. Als sich meine Eltern scheiden ließen, wohnte ich eine Zeit lang bei meiner Tante Hansi und meinem Onkel Fredi. Ich mochte sie beide und sie waren sehr nette Menschen, aber optimal war es sicher auch nicht. Meine Mutter heiratete später noch einmal und aus dieser Ehe entstand meine Halbschwester.
Doch trotz aller Widrigkeiten und Hindernisse, die sich mir zu Beginn meiner Schullaufbahn in den Weg stellten, schaffte ich die Volksschule mit sehr guten Noten und ich durfte deshalb im Anschluss ein Gymnasium besuchen. Damals war das noch etwas sehr Besonderes, nicht jeder schaffte es und man gehörte im Österreich der frühen 70er Jahre damit zur geistigen Elite des Landes. Hätte ich damals einen Dreier in meinem Abschlusszeugnis gehabt, wäre mir der Übertritt ans Gymnasium verwehrt geblieben. Heutzutage reicht es dagegen schon, wenn man keinen Fünfer hat. So ändern sich die Zeiten.
Mein Leben in der Unterstufe war ein Albtraum für mich. Ab der dritten Klasse wurde Englisch zu einer Katastrophe. »He, she, it, das S muss mit.« Doch mein Kopf wollte nicht so recht mit, denn für mich war diese Sprache ein böhmisches Dorf und meine Fremdsprachenbegabung hielt sich in Grenzen, besser gesagt, sie war eigentlich überhaupt nicht vorhanden. Das war nicht leicht für mich, aber Englisch gehörte nun einmal zum Lehrplan auf einer höheren Schule, auch damals schon. Dafür war ich in Musik immer einer der besten in meiner Schule. Trotzdem ich nicht mehr so ein guter Schüler, wie auf der Volksschule war, konnte meine Mutter überall mit stolz geschwollener Brust verkünden: »Hört her, mein Sohn geht aufs Gymnasium!« Es musste ja nicht jeder wissen, dass ich Englisch ein Versager war, und diese Tatsache behielt sie auch lieber für sich.
Es gab auch noch jemanden in meiner Familie, der sehr musikalisch war. Das war mein Cousin. Er studierte Musik. Sein Instrument war die Trompete und er war Student am Prayner Konservatorium in Wien. Er war talentierter als ich, aber ich gönnte es ihm und empfand keinen Neid gegenüber meinem begabten Vetter. Als ich dann 13 Jahre alt war, wechselte ich ebenso ans Prayner Konservatorium, aber mein Fach war das Klavier. Es war mein Lieblingsinstrument, obwohl ich auch die Trompete und das Akkordeon mochte. Aber meine ganz große Liebe und auch meine größte Begabung waren eng mit diesem Instrument verbunden. Da war ich nun ... der kleine Landjunker in der großen Stadt. Dort gab es viel für mich zu entdecken, was ich vom Landleben her überhaupt nicht kannte. In Wien war alles anders, es gab sogar eine U-Bahn, die aber damals noch »Stadtbahn« hieß und aus alten, roten und klapprigen Waggons bestand. Und dann gab es noch diese Damen, die den ganzen Tag über an den Häuserecken standen und mich komisch angrinsten, wenn ich in meiner jugendlichen Unschuld an ihnen vorüberging. »Keine Ahnung, warum die so freundlich zu mir sind«, dachte ich mir. »Aber ich mag sie, sie grüßen mich immer.« Sie sagten dann manchmal auch etwas zu mir: »Na Kleiner, ganz alleine unterwegs? Wo ist denn dein Papa? Wir hätten da was für ihn!«
Wieder stand ich vor einem Rätsel und fragte mich: »Woher kennen die denn meinen Papa? Ich hab´ ihn auch schon ein paar Monate nicht gesehen!«
Wie man merkt, hatte ich damals die ganz große Ahnung und den vollen Durchblick und das meine ich jetzt nicht wörtlich.
Doch mein Leben ging weiter und ich sammelte meine Erfahrungen, auch wenn sie nicht unbedingt alle positiv waren. Aber wer kann das schon von seinem Leben behaupten? In der vierten Klasse musste ich dann in der Schule beweisen, dass ich ein ganz toller Hecht war. Das Testosteron schoss mir schon durch den Körper und plötzlich tat ich Dinge, die mir die Jahre zuvor ganz fremd waren. Ein Mitschüler musste wegen mir auf einen Teil seiner Schneidezähne verzichten und daraufhin war es für mich an der Zeit die Schule zu wechseln. Ich sagte mir: »Und überhaupt bin ich ein Musiker und gehöre sowieso ins BORG in den musischen Zweig.«
Gesagt, getan.
Das erste Jahr war toll und es gab keine weiteren Probleme. Doch in der sechsten Klasse holte mich meine altbekannte Fremdsprachenschwäche wieder ein und bereitete mir erhebliche Probleme. Das Endergebnis war, dass ich das erste Mal sitzenblieb und eine unfreiwillige Ehrenrunde drehen musste.
Vielleicht waren aber auch die ersten Brunftschreie an meinem schulischen Misserfolg Schuld, die damals lautstark durch mein Hirn hallten und alles andere blockierten. Was interessierte mich schon Englisch? Die steilen Mädels waren doch das Einzige, das zählte!
Und doch war auch die Musik präsent in meinem Leben und neben den Annäherungsversuchen an das schöne Geschlecht, begleitete sie mich auch immer noch. Ich gehörte sogar zu den musikalischen TOP TEN der Schule!
Genutzt hat es mir aber nichts.
Und so wechselte ich nicht in die siebte Klasse, sondern in die Wiener Maturaschule. Das war ein wirkliches Highlight! Endlich allein! Und die Mädchen waren toll, keine langweiligen Landpomeranzen, wie ich sie von zuhause kannte. Die Frauen hier hielten etwas auf sich. Ich legte mir ein anständiges Großstadtgehabe zu und war ganz in meinem Element. Aber nicht mit Schirm, Charme und Melone, mein Motto lautete: Flirten sie mit dem Mann am Klavier! Schnell fand ich Anschluss an den Kreis der oberen zehntausend der Wiener Gesellschaft, zumindest dachten sie das von sich selbst.
Dazu gehörten die Söhne und Töchter der Leute, die etwas mehr Geld hatten als die Abkömmlinge der Arbeiterfamilien. Zu Letzteren gehörte ich, aber durch meine musikalischen Fähigkeiten war ich anerkannt in der Wiener »High Society«.
Es lief nicht schlecht für den »kleinen Jungen« mit den roten Haaren und dieser Junge war dabei erwachsen zu werden und sich seinen Platz in der Großstadtwelt zu erobern. Ich hatte dann auch noch das Glück, Zugang zu einem richtigen Tonstudio zu bekommen und ich schwebte im siebten Himmel. Mein Glück war perfekt! Es gab so viele Künstler in Wien und ich gehörte zu ihnen. Auch wenn die meisten kaum Geld hatten oder etwas in ihrem Leben erreichten, als Künstler war man immer etwas Besonderes und konnte die Menschen um sich beeindrucken. In meinem Freundeskreis waren viele dieser »Lebenskünstler« und das war genau der richtige Umgang für einen Landjunker wie mich. Auch mit meiner eigenen Musik ging es voran und ich konnte meine ersten Erfahrungen als Tanzmusiker sammeln. Endlich verdiente ich auch das erste eigene Geld und ich muss sagen, das war wirklich eine gute Sache. Ein Einkommen gibt ein beruhigendes Gefühl und erstmals in meinem Leben fing ich an, auf eigenen Beinen zu stehen.
Als ich 18 Jahre alt war, befand ich mich auf dem ersten Höhepunkt meiner Klassikkarriere als Pianist. Mein Lehrer setzte große Hoffnungen auf mich und meldete mich bei einem Wettbewerb an. Wenn man etwas in der Musik erreichen möchte, sollte man eigentlich jeden Tag bis zu sechs Stunden üben-eigentlich. Ich begnügte mich aber mit mickrigen zwei Stunden, denn ich musste mir eingestehen, dass die Mädels noch heißer als das Klavier waren. Und außerdem sahen sie besser aus!
Trotzdem fieberte ich dem Wettbewerb gespannt entgegen und freute mich bereits darauf, meine Künste vortragen zu dürfen. Als der begehrte Tag endlich da war, durfte ich als Erster vorspielen. Ich begann mit der Pflicht und ging danach zur Kür über. Ich dachte mir: »Das kenne ich doch irgendwoher ...« Ein Freund erzählte mir einmal, dass er verheiratet sei, und das sei die Pflicht und dann würde er zu seiner Geliebten gehen und dann komme die Kür. Mit einem Schmunzeln ob meiner frivolen Gedanken betrat ich die Bühne. Sogar dem Prüfer fiel es wohl auf, dass ich mich königlich über etwas amüsierte. Normalerweise sollte ich doch aufgeregt sein, mit einigen Schweißperlen auf der Stirn und keinesfalls vor mich hin grinsen. Mein Lehrer, der auch bei der Prüfung anwesend war, bekam fast einen Nervenzusammenbruch. Der Prüfer sprach mich darauf an: »Sie scheinen sich ja sehr zu amüsieren. Darf man den Grund dafür erfahren?«
»Ja, ich bin wohl einfach sehr nervös«, redete ich mich heraus.
Dann durfte ich spielen. Meine Kür bestand aus drei Etüden von Skrijabin, von denen eine in Des-Dur gespielt wird. Das war eine echte Herausforderung!
Ich lieferte eine gute Leistung ab und brauchte mich nicht vor den anderen Teilnehmern zu verstecken. Am Ende belegte ich den zweiten Platz, das war eine gute Leistung.
Doch auf dem Siegertreppchen war ein 13-jähriger Japaner und damit stand für mich fest: »Das mit der Klassik überlasse ich lieber den anderen Pianisten, ich stürze mich in die Tanzmusik.«
Ich hatte noch nie ein Problem damit, wenn jemand besser war als ich und deswegen erkannte ich neidlos an, dass ein fünf Jahre jüngerer Pianist, weitaus talentierter oder doch zumindest viel fleißiger war als ich. »Man muss eben erkennen, wenn es nicht für ganz oben reicht«, dachte ich mir. Das machte mir aber nichts aus, denn die Tanzmusik bot genauso ihren Reiz und ihre Vorzüge wie es auch die Klassik tat. Und um Mädchen kennenzulernen, war die Tanzmusik sicher die bessere Wahl. Was hätte ich denn mit den ganzen alten Damen in einem vornehmen Konzerthaus anfangen sollen?
In den darauffolgenden Jahren teilte sich mein Leben wie folgt auf: Die Werktage widmete ich meiner schulischen Ausbildung und am Wochenende war ich fast ausschließlich auf den Bühnen der vielen Dörfer zu finden. Das war eine wunderbare und sehr aufregende Zeit! Ich genoss die Aufmerksamkeit als Musiker und die damit verbundenen Annehmlichkeiten in Bezug auf die weibliche Bevölkerung. Sobald jemand auf der Bühne steht und gut ist, indem was er tut, sind ihm eine gewisse glamouröse Ausstrahlung und eine große Anziehungskraft eigen. Und ich kann nicht sagen, dass mir dies zu meinem Nachteil gereichte. Ich genoss das Bühnendasein in vollen Zügen!
Nach einiger Zeit merkte ich, dass mir das Spielen vor Publikum viel mehr Spaß machte als die schnöde Schule. Ich dachte mir: »Matura, wer braucht die schon?« Und so schmiss ich kurzerhand die Schule hin, um mich fortan vermehrt den Frauen und der Musik zu widmen.
Wie wird es in einem bekannten Schlagerlied so trefflich formuliert:
»Es lebe das Leben, die Liebe und der Wein.«
Dieses Motto gefiel mir und es war nicht sonderlich schwer, mich daran zu orientieren.
Mein Cousin durchlief währenddessen eine erstaunliche und sehr erfolgreiche musikalische Karriere. Er lebt heute noch von der Musik und ist einer der größten Komponisten Österreichs. Ich bin nicht neidisch auf ihn. Ich gönne ihm seinen Erfolg und bin stolz, dass er es so weit brachte. Nicht viele Musiker können von sich behaupten, Komponisten zu sein und darunter sind wieder nur wenige, die sich mit ihren kompositorischen Fähigkeiten in der Welt der klassischen Musik durchsetzen können, wo die Konkurrenz so groß ist. Beethoven, Mozart, Bach... um nur einige Namen zu nennen gehören zu den bekannten Vorreitern, mit deren Werken sich ein Komponist heutzutage messen muss. Das ist schon ein unglaublich hoher Maßstab!
Ich folgte aber meiner eigenen Passion und ich war als Tanzmusiker auch sehr erfolgreich. In meinen Hochzeiten gab ich jedes Jahr 100 bis 120 Konzerte. Ich stand also durchschnittlich fast jeden dritten Tag auf der Bühne. Das war natürlich anstrengend und kostete Kraft, aber es gab mir andererseits auch sehr viel und ich bereue es nicht!
Als ich 21 Jahre alt war, machte ich mir das erste Mal Gedanken über den Sinn in meinem Leben. Ich stellte mir Fragen wie »wer bin ich?«, »was habe ich bisher erreicht?«, »wo soll die Reise des Lebens für mich hingehen?«.
Ich musste mir eingestehen, dass es zwar gut war, ein aktiver Musikant zu sein, aber ich besaß kaum etwas und das machte mir Sorgen. Mit dieser Erkenntnis meldete ich mich beim Arbeitsamt zu einer Umschulung zum Elektriker an.
Ich trat also erstmals in die »richtige« Arbeitswelt ein und meine Arbeitszeiten waren dabei nicht an den Abenden, wie ich es von meinem bisherigen Künstlerdasein gewöhnt war, sondern von morgens bis zum späten Nachmittag. Das war schon eine große Umstellung für mich. Alles war neu und die Arbeit war hart. Doch glücklicherweise wurde mir der schwere Einstieg in die Arbeit versüßt. Ich lernte meine Frau kennen und diese Begegnung und die Liebe, die sich im Laufe der Zeit daraus entwickelte, beflügelte mich und gab mir Kraft. Meine Frau ist ein wundervoller Mensch und ich bin sehr dankbar, dass wir zueinanderfanden!
Der Grund, warum ich mich für eine Ausbildung entschied, war folgender: Ich erinnerte mich einerseits daran, dass es bessere Pianisten als mich gab, zumindest im Bereich der Klassik, was mir der 13-jährige Japaner beim Klavierwettbewerb lebhaft vor Augen führte. Deswegen dachte ich mir damals: »Ein Leben als klassischer Pianist wäre für mich wahrscheinlich ein brotloses Dasein.«
Nach einem dreijährigen »Leben« in Wien mit all seinen Facetten, wurde mir klar, dass ich geradewegs auf ein Leben als abgehalfterter Künstler zusteuerte. Ich wusste, wenn ich noch lange so weitermachte, würde mir ein bürgerliches Leben aller Voraussicht nach für immer verwehrt bleiben. Sicher, ich liebte die Musik, doch noch mehr sehnte ich mich danach, eine Familie zu gründen. Ich wollte Vater werden und darüber hinaus ein guter Ehemann. Deswegen wollte ich mein Lotterleben aufgeben, was nicht heißen sollte, dass ich die Musik aufgab. Nur den Lebenswandel, den ich damals führte, mit viel Alkohol und einigen amourösen Abenteuern wollte ich hinter mir lassen. Ich wollte mich binden und endlich ein bodenständiges und ruhigeres Leben führen. Ich genoss meine wilden Jugendjahre und lebte mich ordentlich aus und das bereue ich auch nicht, im Gegenteil. Ich kann wirklich behaupten, dass ich im Alter einmal nicht sagen muss, dass ich früher etwas versäumt habe, weil ich mich für eine Familie und eine feste Arbeit entschied. Ich werde später nicht auf Biegen und Brechen etwas nachholen müssen. Ich erlebte es bereits, bevor ich meine Frau kennenlernte, und ich schlitterte nicht blindlings in eine Beziehung mit ihr. Ich entschied mich ganz bewusst dafür. Das ist ein großer Unterschied!
Ich wollte mich absichern und doch auch etwas »Bodenständiges« neben der Musik in meinem Leben haben. Ich schlug mich gut in der Ausbildung und hatte sehr gute Noten. Ich war wohl doch nicht so dumm, wie ich früher so manches Mal dachte, als ich schlechte Noten in Englisch bekam. Technische Sachverhalte lagen mir anscheinend mehr als das Erlernen von Sprachen. Ich bestand sogar mit Auszeichnung und konnte jetzt von mir sagen: »Ich habe eine richtige Ausbildung!«
Die Musik war nun aber keineswegs aus meinem Leben verbannt. Ich stand weiterhin auf der Bühne und genoss das abendliche Eintauchen in das Nachtleben.
So war mein Privatleben intakt und harmonisch und ich war glücklich mit meiner neuen Partnerin. Doch die Arbeit forderte mich heraus und manches Mal musste ich mich fragen, wie lange ich das noch aushalten könnte. Es gab sehr viel Druck von der firmeninternen Führung und diejenigen, die in der Hierarchie ganz unten standen, waren ihm am meisten ausgesetzt. Ich musste mich erst einmal daran gewöhnen, wie es in der »normalen« Arbeitswelt zuging.
Doch ich gab nicht auf und bildete mich sogar noch weiter, indem ich die Werkmeisterschule besuchte.
Und es war wieder einmal die Musik, die mir über so manche Sinnkrise hinweghalf.
Auch wenn es oft schwer war, »Musik lag in der Luft«, um bei Peter Frankenfeld zu bleiben. Ich konnte die Werkmeisterschule erfolgreich abschließen und erneut erfuhr ich die Bestätigung, dass ich auch außerhalb der Musik einiges erreichen konnte, wenn ich mir Mühe gab und etwas wirklich wollte. Der Ehrgeiz packte mich und ich wollte mich nicht etwa auf den erreichten Lorbeeren ausruhen. Ich strebte nach mehr und besuchte im Anschluss an die Ausbildung auch noch die Abendschule der HTL. Diese würde ich, bei erfolgreichem Bestehen, mit dem Titel des Ingenieurs abschließen.
Die folgenden fünf Jahre waren anstrengend, doch auch erfüllend. Ich war nun wirklich erwachsen geworden, mit einer wundervollen Frau liiert und ich hatte keine Zeit mehr für die Flausen aus meinen Wiener Jahren. Tagsüber arbeitete ich als Elektriker und an den Abenden besuchte ich die Schule für meine Weiterbildung und?... da war doch noch etwas?...Ja, an den Wochenenden trat ich immer noch als Tanzmusiker auf. Und ich n auch sagen, dass ich nicht schlecht dabei verdiente. Meine Musikkarriere entwickelte sich prächtig, obwohl ich nebenbei eine Ausbildung machte und sogar ganz normal arbeiten ging. Ich wurde relativ erfolgreich als Tanzmusiker. Damals zahlte man in Österreich noch mit Schilling. Sieben Schilling entsprachen einer DM. Ich investierte zwar im Laufe meiner Karriere über eine Million Schilling in die Musik, aber meine Einkünfte beliefen sich auf einiges mehr als meine Investitionen.
Es war also eine Investition, die sich durchaus lohnte. Die Umschulung dauerte fünf Jahre und während dieser Zeit wurde ich das erste Mal Vater. Mein Sohn Georg kam zur Welt und dieses Ereignis war ein weiterer Lichtblick in meinem Leben. Ich war gerade einmal 30 Jahre at, aber trotzdem hatte ich es geschafft. Ich war sehr stolz auf meinen kleinen Jungen und es machte mich glücklich, in seine strahlenden Augen zu sehen, oder wenn er mir sein Lächeln schenkte. Wenn man ein Kind bekommt, dann ändert sich die ganze Perspektive auf das Leben. Die egoistischen Sorgen, die man früher hatte, treten eher in den Hintergrund, denn nun ist man für ein neues Leben verantwortlich und man möchte seinem Kind alles möglich machen, was in seiner Macht steht. Außerdem motivierte es mich, im Beruf und bei meinen Auftritten weiterhin meinen Mann zu stehen. Schließlich war ich jetzt ein Familienvater und arbeitete nicht mehr nur für mich selbst, sondern auch für meine Frau und meinen kleinen Sohn. Das kann ein gewaltiger Motor im Leben eines Menschen sein. Bei mir war es das jedenfalls!
Nach der Umschulung begann mein bürgerliches Leben.
Ich startete meine Karriere im öffentlichen Dienst bei der Straßenbeleuchtung in St. Pölten und arbeitete mich dort behäbig nach oben. Es dauert seine Zeit, bis ich weiterkam und gerade zu Beginn war es nicht leicht, doch ich hatte es auch nicht eilig und konnte geduldig abwarten. Und irgendwann zahlten sich meine Mühen und meine Beharrlichkeit auch aus und ich brachte es bis zum Geschäftsführer. Das war super für mich! Ich hatte es geschafft, mir ein bürgerliches Leben aufzubauen. Erfolg im Job, Glück im Privatleben, eine großartige Familie und auch die Musik konnte ich noch auf eine befriedigende und erfolgreiche Weise in mein Leben integrieren.
Es kam später dann aber zu einer musikalischen Pause. Diese war gut und notwendig, denn ich wollte mich einerseits vorerst auf meine Familie konzentrieren und auf der anderen Seite wurde es mir auch irgendwann fad, immer nur Tanzmusik zu spielen, was mich nur wenig herausforderte. Schließlich hatte ich eine klassische Klavierausbildung. Nachdem ich noch einmal Vater wurde, und meine beiden Zwillinge auf die Welt kamen, schien mein Familienglück perfekt zu sein. Es waren zwei kerngesunde Jungen! Vielleicht inspirierte mich die Geburt meiner Kinder auch und machte mir Mut. Denn danach wagte ich den Sprung in eine andere musikalische Sparte. Ich begab mich in die Welt des Jazz, Blues und Boogie, was musikalisch-technisch betrachtet eine echte Weiterentwicklung bedeutete. Als ich 50 Jahre alt war, kam dann noch überraschend meine kleine Prinzessin auf die Welt und schenkte mir erneut die unbeschreibliche Freude eines werdenden Vaters. Da wir schon drei Jungs hatten, freuten wir uns umso mehr über ein Mädchen. Ich war also ein Mann in mittleren Jahren und es war alles perfekt. Ich hätte nicht glücklicher sein können. Ich hatte alles erreicht und vieles gewonnen. Eine erfolgreiche Karriere als Musiker, Erfolg im Beruf und eine wundervolle Familie. So sollte ein Leben aussehen!
Mir kam es so vor, als wäre ich am Zenit meines Lebens angekommen und wenn es nach mir ginge, hätte es ewig so weitergehen können. Doch dann passierte etwas Unerwartetes, was alles Bisherige auf den Kopf stellte ...

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